Tempelzeremonien und Tempelfeste

Höhepunkte des religiösen Lebens auf Bali sind die zahllosen Feste. Ein religiöser Kalender gibt die Tagen an, die für besondere Gebete, für Reinigungszeremonien oder für Opfergaben an bestimmte Geister oder Götter geeignet sind. Er nennt die jahreszeitlichen Feiertage, die in allen Tempeln auf Bali festlich begangen werden. Und er zeigt die ersten Vollmond und Neumondnächte an, in denen Tempelzeremonien besonders wirksam sind.
Außer der Reihe wird eine Austreibungszeremonie nötig, wenn Krankheit oder Unglück über ein Dorf gekommen ist. Und manchmal sind es die Götter, die über ein in Trance befindliches Medium ( balian ) nach einem Fest oder einer Zeremonie verlangen.

Odalan.

In jedem balinesischen Tempel wird einmal im Jahr ( nach balinesischem Kalender alle 210 Tage ) der Jahrestag der Tempelweihe ( odalan ) begangen. Das mehrere Tage dauernde Fest wird mit einem Hahnenkampf eingeleitet. Vor den einzelnen Kämpfen tauschen die beiden Besitzer die Hähne aus, um zu prüfen, ob sie an Kraft und Größe  einander ebenbürtig sind. Ist der Kampf beschlosen, werden an den Sporen der Hähne die tödlichen Klingen aus blankem Stahl befestigt ; ein Vertreter der Jury prüft, ob sie den Regeln entsprechend angebracht sind.
Während der Tumult andauert, werden die Hähne auf einen kleinen quadratischen Platz gesetzt, das Zeichen zum Beginn. Augenblicklich herrscht Stille in der Arena. Angefeuert von ihren Besitzern, stürzen sie aufeinander los. Kaum kann das Auge folgen. Die Kämpfer erheben sich in die Luft, jede versucht, den tödlichen Sporenhieb anzubringen. Kaum sind einige Sekunden vergangen, da ist der Kampf schon beendet, ein Hahn liegt blutend am Boden, unfähig, wieder aufzustehen. Das Hauptereignis währt verblüffend kurz.  Falls ein Hahn nicht zu schwer verletz ist, päppelt man ihn für den nächsten Kampf wieder auf. Andernfalls bildet er am nächsten Tag die Grundlage für ein delikates  Familienessen. Während des gesamten Festes treffen im Tempel Frauen ein mit kunstvoll arrangierten Opfergaben aus Früchten, Gebäck, und anderen Köstlichkeiten, die sie auf dem Kopf balancieren. Diese Speiseopfer werden als geistige Gabe dargeboten. Der Wind trägt mit den Weihrauchschwaden die geistige Substanz der Opferspeisen zu den Himmlischen empor. Den Menschen bleibt das Stoffliche ; sie nehmen die Opferteller später wieder mit heim und verzehren die Speisen im Familienkreis.
Während der Zustrom der Opfergaben andauert, lädt der Tempelpriester in Gebeten die Götter ein, herabzusteigen. In manchen Tempeln gibt es kleine Götterfiguren aus Gold, Bronze, oder vergoldetem Holz, und der Priester bittet die Götter, in diese Einzug zu halten.
Am Nachmittag versammeln sich alle Dorfbewohner unter den hohen Bambusfahnen im Tempelhof.  Alle Schreine wurden reich mit Opfergaben bedacht und mit Brokatstoffen und Bildern in der alten Tradition geschmückt. Die kleinen  Götterstatuen stehen  blumenumkränzt in ihren Schreinen. Der Tempelpriester sitzt vor einem Weihrauchgefäß und einem Wasserkessel und segnet die mit Gaben hereinströmende Menge. Gewissenhaft erfüllt jeder der Gläubigen seine religiösen Pflichten. Dennoch herrscht hier keine steife Feierlichtkeit, alle sind heiter, denn es ist ein geistliches und weltliches Ereignis zugleich.
Wenn das Gamelanorchester zu spielen beginnt, formiert sich eine Prozession, die die Götterstatuen zu einem nahen Gewässer bringt, wo man ihnen ein rituelles Bad zuteil werden lässt. Dabei werden sie mit Musik, Tanz, und Gesängen unterhalten und beschänkt, bevor sie zurück in den Tempel getragen werden.
Im innersten Tempelhof nimmt indessen die religiöse Zeremonie ihren Fortgang. Priester und Priesterinnen singen Hymnen auf die Götter. Vor den Schreinen steigen Wolken von Weihrauch auf. Frauen in Andacht erheben sich und beginnen einen langsamen pendet zu tanzen.  Die Schönheit ihrer Bewegung ist ein Geschenk an die Götter.
Nachts verwandelt sich die Umgebung des Tempels in einen fröhlichen Jahrmarkt. Um Mitternacht beginnt die Tanz Theateraufführung, die bis zum nächsten Morgen dauert.
Das Odalan Fest endet bei Anbruch des nächsten Tages. Die sich lange hinziehende Handlung des Theaterspiels kommt nun endlich zu ihrem dramatischem Höhepunkt. Die Musiker beenden ihr leztes Lied und packen die Instrumente zusammen. Einige ältere Frauen tanzen noch einen Pendet zu Ehren der aufgehende Sonne, der Tempelpriester betet noch einmal zu den Göttern. In diesen Gebeten gibt er der Hoffnung Ausdruck, dass sie während ihres Besuches im Tempel aufs Beste versorgt waren und dass sie gnädig gestimmt in den Himmel zurückkehren mögen.

Feste und Zeremonien

Räucherstäbschen, Opfergaben, Festessen, Musik und Tanz-Zeremonien, auf Bali sind immer Gottesdienst und sinnliches Spektakel gleichermaßen.

Tempelfeste sind großartige Gelegenheiten, Bali in Festkleid und Festlaune zu erleben : Frauen, die Opfergaben auf dem Kopf balancieren, Gamelan – Musik und heilige Tänze, Tempelrituale oder auch hin und wieder ein Hahnenkampf, der dann – und nur dann – legal ist, und jede Menge andere Aktivitäten gehören dazu.
Die Balinesen kennen zwei Kalendersysteme : Der Saka Kalender stammt aus Südindien und ist ein Sonnenkalender, der im.Jahr 78 n. Chr. einsetzt und 354 Tage hat. Der Beginn des Jahres wird durch das Nyepi Fest markiert.
Nach dem Pawukon Kalender ( auch Wuku Kalender ), dem traditionellen balinesischen Kalender, hat das Jahr 210 Tage, wird aber nicht als separate Einheit gesehen, sondern läuft in kontinuierliche Zyklen ab. So ist jeder Monat, der 35 Tagen hat, in mehrere Wochen von 1 bis 10 Tagen Länge aufgeteilt, die paralel laufen. Nach dem Pawukon Kalender werden die Tempelgeburtstage ( odalan ) oder die Termine der Duchgangsriten berechnet. Das wichtigste Fest ist Galungan, das auf der ganze Insel begangen wird, und die Ankunft der Götter auf Bali feiert. Die Tempel festlich werden dekoriert und Tänze aufgeführt. Zehn Tage später an Kuningan werden die Götter wieder verabschiedet.

Nyepi : Tag der Stille.

Nach dem Saka Kalender endet das Jahr im neunten Monat ( März oder April ). Am Neujahrsabend ziehen die Menschen mit Taschenlampen ( Bobok ) durch die Straßen und machen so viel Lärm wie möglich – schlagen auf Töpfe und Pfannen und entzünden Feuerwerkskörper, um die bösen Geister zu vertreiben. Außerdem werden Monster aus Pappmaschee, die man in tagelanger Arbeit angefertigt hat, durch die Straßen getragen und anschließen wiederum ausgesprochen lautstark Krach verbrannt.
Der Neujahrstag Nyepi ( still sein ) dagegen wird in absoluter Stille verbracht. 24 Stunden lang verlässt niemand das Haus und verhält sich ganz still. Kein Licht darf brennen und kein Herd wird angeschaltet. So macht man die möglicherweise züruckkehrenden Dämonen glauben, die Insel sei unbewohnt. Alle Vergnügungen sind untersagt, und der Tag gehört dem Gebet und der Meditationen. Auch für Touristen gelten diese Regeln in abgemilderter Form. Flüge werden storniert und Besucher sind angehalten, ihre Hotels nicht zu verlaßen. Die Restaurants außerhalb der Hotels sind geschlossen, aber in den Hotels ist die Versorgung gewährleistet.

Die Balinesen.

Unzählige zeitaufwendige Rituale bestimmen das Zusammenleben der Menschen auf der Insel, das hat sich auch im Zeitalter des Massentourismus nicht geändert.

Batara Guru ( der Große Lehrer ) und Gott Brahma beschlossen, dass die Erde von Menschen bevölkert werden sollte. Sie formten Körfer aus Lehm. Die ersten Versuche belustigen die beiden Götter : Als sie daran gingen, ihre Figuren in einem ofen zu brennen, kamen diese entweder zu weich oder zu hart gebrannt heraus. Beim letzten Versuch schließlich stimmte die Brenndauer und heraus kamen die goldbraunen Balinesen. So jedenfalls lautet der balinesische Schöpfungsmytos.

Die urbalinesische Gesellschaft, die heute noch die Bali Aga, eine Volksgruppe, die noch immer den uralten vorhinduistischen Traditionen folgt – repräsentieren, war animistischen Glaubensvorstellungen verhaftet. Die Bildung einer hinduistisch strukturierten Gesellschaft wurde von Mitgliedern der javanischen Oberschicht getragen, die vor der Islamisierung Javas nach Bali flohen – Tausende von Hindupriestern, Adeligen, Soldaten, Künstlern, und Handwerkern.
Die führende Schicht fand in der indischen Kultur die Weltanschauung und die Verwaltungstechniken, die ihren Zwecken entsprachen. So bekam die junge Gesellschaft ein theologisches und politisches System, das die Balinesen in schöpferischer Weise ihren eigenen Verhältnissen anpassten. Eigene Glaubensvorstellungen wurden in die indische Religion integriert. Hindugottheiten wurden übernommen, ohne die vertrauten Götter zu verbannen.
Zu dieser Zeit wurde auch das Kastensystem in Bali etabliert. Alle Balinesen – mit Ausnahme der Bali Aga – werden in eine Kaste hineingeboren. Die Angehörigen der obersten Kaste, der Priesterkaste, sind die Brahmanen, die den Titel Ida Bagus bzw. bei Frauen Ida Ayu tragen. Ihnen folgt die zweite Kaste – ursprünglich die Kaste der Herrschenden – die Satria, deren Angehörige den Titel Anak Agung, Dewa oder Cokorde tragen. Die Angehörigen der dritten Kaste, Wesya ( niederer Adel ), schmückt sich mit dem Titel Gusti. 97 % der Balinesen gehören allerdings der vierten Kaste, den Sudras, an. Im Gegensatz zu Indien spielt das Kastensystem nur eine untergeordnete Rolle. Heiraten ausserhalb der eigenen Kaste sind vor allem bei Angehörigen der oberen Kasten nicht gern gesehen, aber längst kein Tabu mehr.

Religion auf Bali

Animistische Rituale und Hinduistische Glaubensinhalte aus Java mischten sich auf Bali und schenkten der Insel eine reiche Spiritualität. Unzählige Zeremonien bestimmen den Kalender.

Leben ist Religion und Religion ist Leben auf Bali. Religiöse Riten und Feste begleiten die Menschen von der Geburt bis zum Tod und über den Tod hinaus. Sie sind die Grundlage des Zusammenhalts von Familie und Dorfgemeinschaft. Religiöse Riten werden wirksam bei der Gründung eines Dorfes, sie ordnen das Familienleben und sind die ethischen Leitlinien des ganzen Volkes. Feiertage, Volksvergnügen, und Versammlungen werden stets von einer Tempelzeremonie eingeleitet. Freie Tage nutzt man nicht, um wegzufahren oder zu entspannen, sondern um Feste vorzubereiten oder zu begehen. Auf Schritt und Tritt werden Sie deshalb auf Bali dem Volksglauben begegnen.

Bali ist die einzige hinduistische Enklave im ansonsten muslimischen Indonesien. Doch der Balinesische Hindu-Dharma-Glauben, auch Agama Tirtha ( Religion des heiligen Wasser ) gennant, weil Wasser unversichtbarer Bestandteil aller Zeremonien ist, ist einzigartig in der Welt, er wurzelt in uralten animistischen Kulten und der Ahnenverehrung. Von den Lehren der hinduistischen Einwanderer aus Java Ende des 15. Jhs. blieb nur das, was den Bedürfnissen der Menschen entspracht : der Glaube an den Kreislauf der Wiedergeburten, der Verbrennungsritus und die Verehrung der Göttertrinität.

BALI : Insel der Götter und Dämonen.

Bali ist für viele ein Paradies, es zieht Besucher magisch an,  mit seiner tropischen Fülle, seinen traumhaften Stränden, vor allem aber mit seiner einzigartigen Kultur.

Zahlreich sind die Beinamen, mit denen Bali bedacht wurde : Insel der Götter und Dämonen ( Geliebte der Götter ), Morgen der Welt…. Vorstellungen vom letzten Paradies sind seit den frühen Jahren des 20. Jhs., als zivilisationsmüde Europäer sich auf der kleinen tropischen Insel niederließen, immer wieder auf Bali projiziert worden. Landschaftliche Schönheit, freundlichen Menschen, und eine faszinierende Kultur waren beste Voraussetzungen für Erfolg, als das Zeitalter des Massentourismus eingeläutet wurde. Exotik in konsumierbaren Dosen und zu günstigen Preisen versprachen die Kataloge  der Reiseveranstalter, und die Zahl der Besucher schwoll von Jahr zu Jahr an.

Der Fremdenverkehr forderte seinen Tribut : In einigen Gegenden ist das Trinkwasser knapp geworden, die Strassen sind verstopft, Tausende alte Bäume sind der hohen Nachfrage nach geschnitzten Souvenirs zum Opfer gefallen, und zu viel landwirtschaftliches Nutzland wurde verbaut, besonders an der Küste.  1969 besuchten die Insel nicht einmal 11 000 Urlauber. Anfang der 1990er – Jahre wurde die Millionengrenze überschritten. 2009 waren es weit über 2 Millionen.

Hat auch die Insel der Götter ihre    Unschuld verloren. Bali gehört nach wie vor zu den faszinierendsten Plätzen der Welt. Und die einzigartige balinesische Kultur überlebte trotz oder gerade wegen des Tourismus. Die Einnahmen aus diesem wichtigen Wirtschaftszweig ermöglichten es Gemeinden, ihre Tempel zu restaurieren, neue Tanzgruppen und Kunstzentren entstanden. So durchdringt die Religion auch heute noch alle Bereiche des Lebens. Opfer sichern das Wohlwollen von Göttern und Dämonen, mit Festen, Musik und Tanz erfreut man sie. Feierliche Prozessionen elegant gekleider Menschen, Frauen, die Türme von Opfergaben auf ihren Köpften balancieren, die kraftvollen Klänge des Gamelanorchesters und der Liebreiz junger Tänzerinnen gehören zum Festkleid der Insel und zum eindrucksvollsten Erlebnis für den Besucher, der die ausgetretenen Pfade ein  Stück weit verlässt und von den Küsten ins Hinterland reist.